In die Heide, fertig, los — eine Ode an ein spät­som­mer­li­ches Naturschauspiel

Liebe Freunde der Water­kant, die Heide blüht! Lasst uns vom Strand ins Lan­des­in­nere drängen und ein Farb­spek­takel der Super­la­tive genießen: die Lüne­burger Heide im Spät­sommer. Hier blüht sie in voller Pracht, unzählig viele Hei­de­blüten erwa­chen inmitten schau­riger Nebel­bänke. Ein Bericht von Kevin.

Ich liebe es, mich im weit­läu­figen Ter­rain der Lüne­burger Heide mit dem Moun­tain­bike fort­zu­be­wegen. Dazu reise ich am Vor­abend meiner Tour mit dem Bulli an. Ich genieße die erfri­schende Abend­luft und spüre, wie Pho­tonen auf meiner Haut pri­ckeln. Die Strecke in Rich­tung meines Ziel­ortes Undeloh zählt zu den Deut­schen Alle­en­straßen. Meinen Arm aus dem Bulli gelehnt, den Duft geern­teter Felder in der Nase, stelle ich mir vor, wie sich in frü­heren Zeiten Pfer­de­karren über die his­to­ri­schen Straßen gewunden haben müssen. Von den letzten Son­nen­strahlen geküsst, lächle ich beim Gedanken an die Romantik solch länd­li­cher Geschichte. Und wo wir gerade über Romantik spre­chen … Kleiner Tipp für die Ver­liebten unter uns: kurz vor Undeloh warten bunte Blu­men­felder zum ernten. Also pflückt dem oder der Liebsten die schönste Blume des Feldes – sie oder er wird begeis­tert sein.

Undeloh, ein Ort wie gemalt als Aus­gangs­punkt für mein Vorhaben

Ich nähere mich also dem Ziel. Schöne alte Back­stein­wände ver­zieren die Ort­schaft. Das feuchte Reet der Häuser ver­strömt einen länd­li­chen Geruch. Der Blick auf fri­sches Heu vor den Stal­lungen und klap­pernde Huf­eisen der heim­keh­renden Pfer­de­wagen stimmen mich zufrieden. Nost­algie liegt in der Luft! Bevor ich auf dem öffent­li­chen Park­platz zum Cam­pieren im eigenen Auto Platz beziehe, kehre ich noch im alten Schmie­dehof ein. Dort ver­speise ich ein def­tiges Abend­essen. Für den schmalen Geld­beutel und eine Can­d­­le­­light-Pizza im Bulli gibt es auch eine Piz­zeria im Ort. Nach dem Fest­mahl suche ich mir auf dem großen Park­platz einen geeig­neten Ort unter den Bäumen, richte mich ein und stelle den Wecker auf 5 Uhr. Gute Nacht und guten Morgen!

Den Ruck­sack habe ich schon am Vor­abend gepackt — aus­rei­chend Wasser, Snacks zur Stär­kung und die Kamera im Anschlag. Warum zur Hölle nicht aus­schlafen…!? Die Ant­wort ist leicht: am frühen Morgen kann ich mit etwas Glück die tief­lie­gende Magie des Nebels auf den feuchten Fel­dern der Heide erha­schen. Die einsam ste­henden Birken werden am weißen Stamm gülden von den Strahlen des Tages wach gekit­zelt. Durch den lila­far­benen Kon­trast auf dem Boden wirkt der Dunst wie ein bläu­li­cher Schleier. Ich bin nur zehn Minuten von meinem Auto ent­fernt und genieße das domes­ti­zierte Licht­spiel der auf­ge­henden Sonne in vollen Zügen. Die Kälte kriecht unter den Pulli und mein Atem wirkt kris­tal­li­siert. Weit und breit keine Men­schen­seele auf den Feld­wegen — nur ich bin Zeuge, der den Nebel beim Pro­test gegen das Erwa­chens eines neuen Tages erlebt.

Ich habe einen Gas­ko­cher im Gepäck, wärme Wasser auf und begrüße den Tag mit einem kräf­tigen Kaffee. Dazu etwas Obst und ein paar Nüsse. Beides lässt sich her­vor­ra­gend an den Stra­ßen­ab­schnitten in und außer­halb des Ortes kaufen. Regional geerntet, vom Bauern der Region. Nach meiner Stär­kung fahre ich mit dem Fahrrad weiter den aus­ge­schil­derten Heid­schnu­ckenweg ent­lang. Ein MTB ist klar im Vor­teil, da die Wege zwi­schen­zeitig sandig und ver­wur­zelt sind. Hinein bis in den Nach­mittag ver­kehre ich auf zahl­losen Pfaden. Ich kann mich kaum satt sehen an diesen inten­siven Farb­tönen. Die Viel­falt an Grün­tönen aus den angren­zenden Wald­ge­bieten hebt es noch hervor. In der Mit­tags­sonne lege ich mich unter eine stäm­mige Eiche, döse vor mich her oder halte Aus­schau nach dem Schäfer mit seiner Herde.

Als der Hunger mich erfasst, radle ich weiter ins beschau­liche Wil­sede. Wil­sede ist Dreh- und Angel­punkt für nahezu jeden Hei­de­be­su­cher. Fried­lich, so wie urig liegt es im Herzen der Landschaft.

Man könnte glauben, an sol­chen Orten fanden die Geschichten der Gebrüder Grimm ihren Ursprung. Nach einer aus­gie­bigen Pause und einem leckeren Stück Kuchen schwinge ich mich erneut in den Sattel. Ich lasse mich ohne Ziel leiten und folge wei­teren Routen. Dunkle Wolken ziehen langsam am weiten Hori­zont auf. Ein Grollen erklingt über dem Land­strich. Ich suche unter den behü­tenden Armen einer alten Eiche Schutz. Ein schöner pras­selnder Som­mer­regen fällt auf das Blät­ter­dach. Pfützen tun sich im san­digen Boden bin weniger Minuten auf. Die Land­schaft spie­gelt sich in ihrer eigenen Schön­heit. Welch ein Mär­chen. Die Luft ist gespeist mit neuer Energie, ich sauge das Leben ein und pre­sche durch die Pfützen wie ein junger Bengel.

Den Son­nen­un­ter­gang will ich auf dem Wil­seder Berg bestaunen. Dazu pas­siere ich wei­tere male­ri­sche Alleen voller Laub­bäume. Dabei erha­sche ein junges Pär­chen, das min­des­tens so strahlt wie die Abend­sonne. Sie albern herum, halten sich in den Armen, lachen im frisch gemähten Stroh­feld. Oben ange­kommen treffen sich die letzten Son­nen­an­beter und Foto­grafen für den Block­buster. Die Golden Hour. Langsam und sanft setzt sich die Sonne hinter die Hügel. Die Luft wird diesig, ver­dichtet sich. Der Hori­zont ver­gilbt. Ein Wind­hauch legt sich über das Hei­de­kraut. Schwalben fliegen auf­ge­regt umher. Und wieder spren­keln zarte Tropfen den ver­wur­zelten Boden. Die Romanze des Som­mers ist per­fekt. Ein licht­durch­flu­teter Schauer samt Regen­bogen preisen das Land. Alle Leute zwängen sich zum Schutz unter die ver­gol­deten Kronen. Nur das junge Pär­chen hat die Beloh­nung des Him­mels begriffen und tanzt ohne sich zu stören einen Regen­tanz. Ich schäme mich fast, an meiner Kamera zu hängen, nur würde es mir keiner glauben, dass es solche legen­dären Momente noch gibt. Die Laune der Ele­mente ist uner­mess­lich. Ein einzig wahre Zufluchtsort für Frei­geister, Tag­träumer und Roman­tiker, Maler und Dichter. Pur pures Leben in puren Farben! Als der Zauber vorbei ist und das Ban­kett langsam in der Dun­kel­heit schwindet, trete ich eben­falls den Heimweg an. Ich lasse mir bergab den Fahrt­wind um die Nase wehen, schließe die Augen und denke mir zufrieden: welch ein wun­der­barer Tag…

Auf zu neuen Ufern
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