Wir tes­ten sie, die alter­na­ti­ve Stadt­rund­fahrt für Ham­burg. Gemäch­lich ruckelt unser tief­blau­er VW Bul­li über unre­gel­mä­ßi­ges Kopf­stein­pflas­ter. Der Wagen wur­de lie­be­voll auf den Namen Jolan­te getauft und sprüht förm­lich vor Retro-Charme. Ein vom Rück­spie­gel bau­meln­der Glas-Wal weist dem Fah­rer den Weg Rich­tung Küs­te, auf dem Dach wach­sen aus Holz­kis­ten sprie­ßen­de Pflan­zen Rich­tung Son­ne. An der Front­sei­te trägt die alte Dame einen Schnurr­bart. Danach fra­gen tut nie­mand, schließ­lich haben wir 2017. Natür­lich ver­zeiht man so einem in die Jah­re gekom­me­nen Gefährt schnell die Pro­ble­me beim Anfah­ren und Schal­ten, freut sich ein­fach umso mehr, wenn der Wagen glu­ckend Fahrt auf­nimmt und fühlt sich sofort an ver­gan­ge­ne Som­mer­ur­lau­be erin­nert. Schnell kommt das Gefühl auf, man wäre gera­de unter­wegs zum Strand – trotz des nor­disch-grau­en Schmud­del­wet­ters hin­ter der Schei­be.

Obwohl wir uns hin­term Steu­er am wohls­ten füh­len sind wir heu­te zu Gast auf der Rück­bank. Das ist okay, denn man hat uns ein küh­les Bier in die Hand gedrückt. Unse­re Gast­ge­be­rin ist Lena von Water­kant Tou­ren, die über­zeugt ist, auch uns alten Stadt­bä­ren noch ein paar außer­ge­wöhn­li­che Ecken jen­seits der übli­chen Tou­ri-Hot­spots zei­gen zu kön­nen. Bei unse­rem Tref­fen in der Hafen­ci­ty hal­ten wir des­halb einen Sicher­heits­ab­stand zur Elb­phil­har­mo­nie und steu­ern statt­des­sen die nahe­ge­le­ge­nen Back­stein­schluch­ten der Spei­cher­stadt an. Wir erfah­ren, dass nie­mand hier woh­nen darf, da das gesam­te Gebiet des Welt­kul­tur­er­bes zu nied­rig liegt, um bei einer Sturm­flut recht­zei­tig eva­ku­iert zu wer­den. Aus die­sem Grund wur­de die angren­zen­de Hafen­ci­ty gan­ze acht Meter erhöht gebaut. Das und noch eini­ges mehr erfah­ren wir im sehens­wer­ten Hafen­ci­ty Info­Cen­ter im Kes­sel­haus.

Mit Exper­ten­wis­sen gestärkt über­que­ren wir die Elb­brü­cken und gelan­gen so in den flä­chen­mä­ßig größ­ten Stadt­teil Ham­burgs: Die Flus­s­in­sel Wil­helms­burg. Hier ist ein alter Flak­bun­ker zum Sym­bol für das Kli­ma-Pro­jekt „Erneu­er­ba­res Wil­helms­burg“ gewor­den. „Bei kla­rer Sicht kann man von oben die gan­ze Stadt über­bli­cken“, lässt Lena uns wis­sen. Kla­re Sicht? Lei­der Fehl­an­zei­ge. Beein­dru­ckend ist es aber trotz­dem hier oben, hoch über den Dächern Ham­burgs. Und guten Kaf­fee gibt es auch, im Café Vju. Auch wenn der Bun­ker von außen nicht beson­ders ein­la­dend wirkt, hat er es den­noch in sich: Mit Solar­pa­nee­len und einem ein­ge­bau­ten Groß­wär­me­spei­cher bestückt ver­sorgt er die umlie­gen­den Vier­tel mit erneu­er­ba­rer Ener­gie und steht so für ein fort­schritt­li­ches Ham­burg in einem Teil der Stadt, dem die meis­ten Tou­ris­ten eher die kal­te Schul­ter zei­gen. Dabei ist der Bezirk reich an beach­tens­wer­ter han­sea­ti­scher Geschich­te: Noch heu­te erin­nern diver­se Mahn­ma­le und Mar­kie­run­gen an Häu­ser­fron­ten an die ver­hee­ren­den Über­schwem­mun­gen in dem Stadt­teil von 1962 und zei­gen, dass die Bezie­hung zwi­schen Ham­bur­gern und den Was­ser­we­gen nicht immer ein­fach war.

Wir par­ken Jolan­te am Fähr­ka­nal in Stein­wer­der und ste­hen nun wort­wört­lich an der Was­ser­kan­te. Vor uns schiebt die Elbe grau-blaue und eis­kal­te Was­ser­mas­sen in den Hafen, am gegen­über­lie­gen­den Ufer fängt das Mau­er­werk der Lan­dungs­brü­cken unse­re Bli­cke ein, bevor sie zum Michel und der Elb­phil­har­mo­nie wei­ter wan­dern. Da zur ande­ren Ufer­sei­te schwim­men nicht nur wet­ter­be­dingt kei­ne Opti­on ist, bege­ben wir uns in den Unter­grund und durch­que­ren den alten Elb­tun­nel. Auf einer Län­ge von knapp 430 Metern ver­bin­den hier zwei Tun­nel­röh­ren Stein­wer­der und St. Pau­li. Seit 2003 steht die Anla­ge unter Denk­mal­schutz. Am Wochen­en­de dür­fen Kraft­fahr­zeu­ge die Tun­nel nicht pas­sie­ren, wes­halb Jolan­te lei­der drau­ßen blei­ben muss. Zu Fuß lässt sich das dif­fu­se Spiel von Licht und Schat­ten an den geflies­ten Wän­den und Stein-Reli­efs aber ohne­hin bes­ser beob­ach­ten.

Auf der ande­ren Sei­te ange­kom­men sam­melt uns Lena wie­der ein und wir fah­ren ein Stück Rich­tung Wes­ten, bis wir den Elb­strand in Övel­gön­ne errei­chen. Vor­sorg­lich wur­de für uns in der Strand­per­le ein Tisch reser­viert, die ins­be­son­de­re im Som­mer bre­chend voll sein kann. Bei einem lecke­ren Fisch­bröt­chen und guten Unter­hal­tun­gen beob­ach­ten wir einen vor­bei­fah­ren­den Con­tai­ner­rie­sen, der selbst die in den Him­mel ragen­den Hafen­krä­ne auf der ande­ren Sei­te der Elbe mick­rig erschei­nen lässt. Wir fra­gen Lena nach ihrem Job bei Water­kant Tou­ren und erhal­ten eine enthu­si­as­ti­sche Ant­wort. Das erst 2014 gegrün­de­te Unter­neh­men arbei­tet nicht mit spe­zi­ell aus­ge­bil­de­ten Stadt­füh­rern, son­dern mit jun­gen Ham­bur­ger Jungs und Deerns, die ihre Stadt lie­ben und Spaß dar­an haben, sie ihren Gäs­ten zu zei­gen. Das mache jede Tour zu einem tol­len und ein­zig­ar­ti­gen Erleb­nis.

Nach etwa vier Stun­den endet unse­re Fahrt ent­lang der Ham­bur­ger Was­ser­we­ge in den Schan­zen­hö­fen, wo wir uns von Lena ver­ab­schie­den. Der Nach­mit­tag hat einen sehr per­sön­li­chen Ein­druck hin­ter­las­sen und wir sind uns einig: Selbst als ein­ge­fleisch­te Ham­bur­ger hat sich die Stadt­tour mit Jolan­te gelohnt. In kur­zer Zeit haben wir tol­le und lehr­rei­che Ein­bli­cke in unse­re moder­ne Han­se­stadt bekom­men. Ham­burg ist Hafen-Indus­trie und neue Elb­phil­har­mo­nie-Ele­ganz, Fisch­fri­ka­del­len­bröt­chen und Pro­mi-Restau­rants, schick und schäb­bich zugleich. Was könn­te das bes­ser reprä­sen­tie­ren, als eine Fahrt in einem alten VW-Bul­li mit Schnurr­bart. Dan­ke, Water­kant Tou­ren — in Ham­burg sagt man “Tschüss”. Das heißt bei euch defi­ni­tiv “Auf Wie­der­se­hen”.

Bild: Jan­nik Mey­en­burg | Lay­out: Tobi­as Kurb­je­weit

88er Jahr­gang, Wer­be­spe­zia­list im Her­zen Ham­burgs // Detail­ver­lieb­ter Gra­fik­de­si­gner // Kon­su­miert ger­ne und viel // Redet viel von Fit­ness und hockt dann doch nur im Well­ness-Bereich // Liebt es, die wei­te Welt mit dem Ruck­sack zu ent­de­cken // Hat vor jedem HSV-Spiel ein gutes Gefühl und fragt sich danach wie­so // Orga­ni­siert mit Lei­den­schaft und Für­sor­ge immer und über­all alles // Trinkt sein Bier stets zur Hälf­te

Wir tes­ten sie, die alter­na­ti­ve Stadt­rund­fahrt für Ham­burg. Gemäch­lich ruckelt unser tief­blau­er VW Bul­li über unre­gel­mä­ßi­ges Kopf­stein­pflas­ter. Der Wagen wur­de lie­be­voll auf den Namen Jolan­te getauft und sprüht förm­lich vor Retro-Charme. Ein vom Rück­spie­gel bau­meln­der Glas-Wal weist dem Fah­rer den Weg Rich­tung Küs­te, auf dem Dach wach­sen aus Holz­kis­ten sprie­ßen­de Pflan­zen Rich­tung Son­ne. An der Front­sei­te trägt die alte Dame einen Schnurr­bart. Danach fra­gen tut nie­mand, schließ­lich haben wir 2017. Natür­lich ver­zeiht man so einem in die Jah­re gekom­me­nen Gefährt schnell die Pro­ble­me beim Anfah­ren und Schal­ten, freut sich ein­fach umso mehr, wenn der Wagen glu­ckend Fahrt auf­nimmt und fühlt sich sofort an ver­gan­ge­ne Som­mer­ur­lau­be erin­nert. Schnell kommt das Gefühl auf, man wäre gera­de unter­wegs zum Strand – trotz des nor­disch-grau­en Schmud­del­wet­ters hin­ter der Schei­be.

Obwohl wir uns hin­term Steu­er am wohls­ten füh­len sind wir heu­te zu Gast auf der Rück­bank. Das ist okay, denn man hat uns ein küh­les Bier in die Hand gedrückt. Unse­re Gast­ge­be­rin ist Lena von Water­kant Tou­ren, die über­zeugt ist, auch uns alten Stadt­bä­ren noch ein paar außer­ge­wöhn­li­che Ecken jen­seits der übli­chen Tou­ri-Hot­spots zei­gen zu kön­nen. Bei unse­rem Tref­fen in der Hafen­ci­ty hal­ten wir des­halb einen Sicher­heits­ab­stand zur Elb­phil­har­mo­nie und steu­ern statt­des­sen die nahe­ge­le­ge­nen Back­stein­schluch­ten der Spei­cher­stadt an. Wir erfah­ren, dass nie­mand hier woh­nen darf, da das gesam­te Gebiet des Welt­kul­tur­er­bes zu nied­rig liegt, um bei einer Sturm­flut recht­zei­tig eva­ku­iert zu wer­den. Aus die­sem Grund wur­de die angren­zen­de Hafen­ci­ty gan­ze acht Meter erhöht gebaut. Das und noch eini­ges mehr erfah­ren wir im sehens­wer­ten Hafen­ci­ty Info­Cen­ter im Kes­sel­haus.

Mit Exper­ten­wis­sen gestärkt über­que­ren wir die Elb­brü­cken und gelan­gen so in den flä­chen­mä­ßig größ­ten Stadt­teil Ham­burgs: Die Flus­s­in­sel Wil­helms­burg. Hier ist ein alter Flak­bun­ker zum Sym­bol für das Kli­ma-Pro­jekt „Erneu­er­ba­res Wil­helms­burg“ gewor­den. „Bei kla­rer Sicht kann man von oben die gan­ze Stadt über­bli­cken“, lässt Lena uns wis­sen. Kla­re Sicht? Lei­der Fehl­an­zei­ge. Beein­dru­ckend ist es aber trotz­dem hier oben, hoch über den Dächern Ham­burgs. Und guten Kaf­fee gibt es auch, im Café Vju. Auch wenn der Bun­ker von außen nicht beson­ders ein­la­dend wirkt, hat er es den­noch in sich: Mit Solar­pa­nee­len und einem ein­ge­bau­ten Groß­wär­me­spei­cher bestückt ver­sorgt er die umlie­gen­den Vier­tel mit erneu­er­ba­rer Ener­gie und steht so für ein fort­schritt­li­ches Ham­burg in einem Teil der Stadt, dem die meis­ten Tou­ris­ten eher die kal­te Schul­ter zei­gen. Dabei ist der Bezirk reich an beach­tens­wer­ter han­sea­ti­scher Geschich­te: Noch heu­te erin­nern diver­se Mahn­ma­le und Mar­kie­run­gen an Häu­ser­fron­ten an die ver­hee­ren­den Über­schwem­mun­gen in dem Stadt­teil von 1962 und zei­gen, dass die Bezie­hung zwi­schen Ham­bur­gern und den Was­ser­we­gen nicht immer ein­fach war.

Wir par­ken Jolan­te am Fähr­ka­nal in Stein­wer­der und ste­hen nun wort­wört­lich an der Was­ser­kan­te. Vor uns schiebt die Elbe grau-blaue und eis­kal­te Was­ser­mas­sen in den Hafen, am gegen­über­lie­gen­den Ufer fängt das Mau­er­werk der Lan­dungs­brü­cken unse­re Bli­cke ein, bevor sie zum Michel und der Elb­phil­har­mo­nie wei­ter wan­dern. Da zur ande­ren Ufer­sei­te schwim­men nicht nur wet­ter­be­dingt kei­ne Opti­on ist, bege­ben wir uns in den Unter­grund und durch­que­ren den alten Elb­tun­nel. Auf einer Län­ge von knapp 430 Metern ver­bin­den hier zwei Tun­nel­röh­ren Stein­wer­der und St. Pau­li. Seit 2003 steht die Anla­ge unter Denk­mal­schutz. Am Wochen­en­de dür­fen Kraft­fahr­zeu­ge die Tun­nel nicht pas­sie­ren, wes­halb Jolan­te lei­der drau­ßen blei­ben muss. Zu Fuß lässt sich das dif­fu­se Spiel von Licht und Schat­ten an den geflies­ten Wän­den und Stein-Reli­efs aber ohne­hin bes­ser beob­ach­ten.

Auf der ande­ren Sei­te ange­kom­men sam­melt uns Lena wie­der ein und wir fah­ren ein Stück Rich­tung Wes­ten, bis wir den Elb­strand in Övel­gön­ne errei­chen. Vor­sorg­lich wur­de für uns in der Strand­per­le ein Tisch reser­viert, die ins­be­son­de­re im Som­mer bre­chend voll sein kann. Bei einem lecke­ren Fisch­bröt­chen und guten Unter­hal­tun­gen beob­ach­ten wir einen vor­bei­fah­ren­den Con­tai­ner­rie­sen, der selbst die in den Him­mel ragen­den Hafen­krä­ne auf der ande­ren Sei­te der Elbe mick­rig erschei­nen lässt. Wir fra­gen Lena nach ihrem Job bei Water­kant Tou­ren und erhal­ten eine enthu­si­as­ti­sche Ant­wort. Das erst 2014 gegrün­de­te Unter­neh­men arbei­tet nicht mit spe­zi­ell aus­ge­bil­de­ten Stadt­füh­rern, son­dern mit jun­gen Ham­bur­ger Jungs und Deerns, die ihre Stadt lie­ben und Spaß dar­an haben, sie ihren Gäs­ten zu zei­gen. Das mache jede Tour zu einem tol­len und ein­zig­ar­ti­gen Erleb­nis.

Nach etwa vier Stun­den endet unse­re Fahrt ent­lang der Ham­bur­ger Was­ser­we­ge in den Schan­zen­hö­fen, wo wir uns von Lena ver­ab­schie­den. Der Nach­mit­tag hat einen sehr per­sön­li­chen Ein­druck hin­ter­las­sen und wir sind uns einig: Selbst als ein­ge­fleisch­te Ham­bur­ger hat sich die Stadt­tour mit Jolan­te gelohnt. In kur­zer Zeit haben wir tol­le und lehr­rei­che Ein­bli­cke in unse­re moder­ne Han­se­stadt bekom­men. Ham­burg ist Hafen-Indus­trie und neue Elb­phil­har­mo­nie-Ele­ganz, Fisch­fri­ka­del­len­bröt­chen und Pro­mi-Restau­rants, schick und schäb­bich zugleich. Was könn­te das bes­ser reprä­sen­tie­ren, als eine Fahrt in einem alten VW-Bul­li mit Schnurr­bart. Dan­ke, Water­kant Tou­ren — in Ham­burg sagt man “Tschüss”. Das heißt bei euch defi­ni­tiv “Auf Wie­der­se­hen”.

Bild: Jan­nik Mey­en­burg | Lay­out: Tobi­as Kurb­je­weit

88er Jahr­gang, Wer­be­spe­zia­list im Her­zen Ham­burgs // Detail­ver­lieb­ter Gra­fik­de­si­gner // Kon­su­miert ger­ne und viel // Redet viel von Fit­ness und hockt dann doch nur im Well­ness-Bereich // Liebt es, die wei­te Welt mit dem Ruck­sack zu ent­de­cken // Hat vor jedem HSV-Spiel ein gutes Gefühl und fragt sich danach wie­so // Orga­ni­siert mit Lei­den­schaft und Für­sor­ge immer und über­all alles // Trinkt sein Bier stets zur Hälf­te
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